Ernst-Barlach-Projekt

„Der Schwebende“ – Projekt des Ev. Kirchenkreises Münster, Musikhochschule Münster u.a.
Teilprojekt des Gesamtprojektes „Barlach im Ev. KK Münster“

Hinführung:

Wenn wir den Schwebenden länger anschauen, wird deutlich, die Augen sind ganz entscheidend. Sie sind geschlossen. Mit dem inneren Auge schaut der Schwebende eine Zukunft, die unserer normalen Erfahrung nicht zugänglich ist. Er schaut in eine Welt, die nicht die unsere zu sein schein.
Der Mund des Schwebenden ist geschlossen. Die Hände des Schwebenden sind nach innen gewandt; alles führt in diese Innerlichkeit, in dieses Schweben, was auf das große Ziel ausgerichtet ist.
Unter dem Schwebenden ist der Gedenkstein mit den Jahreszahlen des 1. Weltkrieges 1914 - 1918. Später sind die Jahreszahlen des 2. Weltkrieges hinzugefügt.
Um den Schwebenden hat Ernst Barlach das alte Taufgitter gestellt. Oben auf dem Gitter sind musizierende Engel. Im Gitter ist ein ganzer Kranz von tanzenden Engeln, die Kinder an der Hand halten und mit ihnen tanzen.
Ernst Barlach hat auch die Verglasung der Fenster bestimmt. Er wollte, dass ein diffuses Licht herein fällt und die mystische Wirkung des Schwebenden verstärkt.

Die Skulptur:

Ernst Barlach hat 1927 für den gotischen Dom im mecklenburgischen Güstrow einen Bronzeengel gestiftet. Die Plastik, der Barlach ungewollt die Züge von Käthe Kollwitz verliehen hatte, sollte an die Toten des ersten Weltkrieges erinnern. Nur die Gusskosten musste die evangelische Gemeinde bezahlen.
Bereits damals hat der friedfertige Engel für Unruhe gesorgt. Die über zwei Meter lange Skulptur, seither Güstrower Ehrenmal genannt, entsprach nicht dem Idealbild eines Mahnmals für gefallene Kriegshelden. Am 24. August 1937 ließ denn auch die Kirchenleitung die „entartete Figur" entfernen und nach Schwerin bringen, da der „slawische Engel von Barlach nicht würdig war, den Dom zu schmücken". Vier Jahre später lieferte der Landesbischof der Evangelisch Lutherischen Kirche Mecklenburg die Bronzefigur an die Kreisleitung der NSDAP Schwerin-Mitte aus — „zum Zwecke der Einschmelzung für die Wehrwirtschaft". Der Erlös ging an die Kirche, heißt es.
Freunde Barlachs hatten das Unheil geahnt und Vorsorge getroffen. Schon 1939 ließen sie vom Original-Werkmodell einen zweiten Engel gießen, den sie versteckten. Sie taten gut daran, denn 1944 zerstörten Bomben das in Berlin aufbewahrte Gipsmodell. Der Zwillingsengel hingegen überlebte Krieg und Nationalsozialismus in einer Scheune in der Lüneburger Heide. Barlach selbst hatte diese Vermehrung seiner Plastik nicht mehr erlebt; er war im Oktober 1938 gestorben, noch vor dem Zweitguss.

Projekt:

Das Projekt kombiniert Skulptur, Klang und Text.

Text: Lesungen aus den Zeit der Entstehung des „schwebenden Engels“: Biografisches von Ernst Barlach, theologische, kirchliche und politische Texte ...

Musik: „Der Schwebende“ für Streicher, Marimba, Trommel und Straßenlärm (Musikhochschule Münster, Tonsatz N. Ammermann

Eröffnungsabend: live

Beständige Installation: Das Projekt wird als beständige Installation aufgezeichnet und im Foyer der Markuskirche MS-Kinderhaus während der Zeit der Barlach-Ausstellung über Bildschirm gezeigt.

Zur musikalischen Umsetzung: Die Komposition für Streichorchester, Marimba und Trommel kombiniert 14 Streichsätze in teils serieller Kompositionstechnik, unterbrochen von Kriegslärm. Absicht ist, dass dieser Lärm in den Pausen zwischen den Streichersätzen von der Musik quasi aufgesogen und in den schwebenden Engel transponiert wird. Der Kontrast von Lärm und strenger Tonführung findet seine Synthese im Bilde des schwebenden Engels.
Die Skulpturen Barlachs erscheinen mir ähnlich wie Skulpturen der indischen Kunst als stark nach innen gewandt, introspektivisch. Zugleich empfinde ich sie als höchst erdig oder geerdet. Insofern erklärt sich die musikalische Struktur der Verbindung indischer Tonskalen mit „schwebenden“ Streicherklängen und der erdig klingenden Marimba, die rund klingt wie die Skulpturen Barlachs rund“ wirkt. Die Trommel wirft den historischen „Schatten“ der beiden Weltkriege hinein.
In 10 musikalischen Sentenzen werden Perspektiven auf den Schwebenden eröffnet. Dabei gewinnt die menschliche Stimme von Bild zu Bild mehr Prägekraft, beginnt bei der Prim und durchschreitet in den letzten Bildern den gesamten musikalischen Raum.

Ressourcen:
SchauspielerIn für Lesungen, Streicher (2 x 4 Violinen, 4 Bratschen, 2 Celli, 2 Kontrabässe)



Programmablauf:

19:30 Uhr Einführung in das Verständnis des Schwebenden vor dem Konzertbeginn

20:00 Uhr Konzert „Der Schwebende“

Text 1: Im Februar 1927 fand die Besichtigung des großen Modells statt, und Johannes Schwartzkopff hält fest: „Unvergesslich bleibt mir die Stunde, als wir dann zu dritt in das Atelier kamen, das Tonmodell zu sehen, das auf zwei Eisenschienen ruhte und in dunklem Schweigen dem Beschauer den Mund schloss. Als ich dann einen größeren Kreis ins Atelier lud, lehnte Barlach ab, dabei zu sein: Ich könnte es nicht anhören, wenn einer dies oder das geändert haben möchte. Ich habe mein Bestes getan, entweder es wird angenommen oder verworfen. .. Um die Mitte des Jahres 1927, als die Schicksalsfigur in der Gedächtniskapelle des Güstrower Domes ihren Platz eingenommen hatte, fasste ich meinen ersten Eindruck in die folgenden Worte: Wir Menschen bleiben immer an die Schwerkraft gebunden. Nur im Traum erleben wir wohl, wie dies Erdengesetz einmal ungültig wird, und so weiß manchen auch davon, dass er im Geist durch die Jahrhunderte gereist ist, ohne dass er dabei seinen schwergepackten Körper hätte mitschleppen müssen.

Text 2: Erste Beschreibung (Schwartzkopff) : Im ersten Kreuzgewölbe der nördlichen Abseite des Mittelschiffes steht ein altes schmiedeeisernes Gitter von 2 m Durchmesser, das früher den Taufstein umschloss. Über diesem will Barlach in waagerechter Lage eine überlebensgroße Figur schweben lassen; sie wird von einer Kette gehalten, die aus dem Kreuz der Vierung herauskommt. Ob die Figur in Holz oder Bronze gearbeitet wird, ist noch nicht entschieden. Die Gestalt solle die seelische Haltung ausdrücken, die wir heute zu dem furchtbaren Geschehen des Weltkriegs einnehmen, Erinnerung und innere Schau. Dazu braucht sie ein Höchstmaß von Geschlossenheit, sowohl in ihrer Komposition wie auch durch die Umgebung. Sie ist der Erde entrückt, im freien Raum, aber durch die beiden Eckwände und das Füntengitter geschützt und gleichsam getragen. Sie liegt ganz horizontal, weil sie, vom inneren Erleben überwältigt, völlig in sich ruht, ohne Ziel und Plan, und nicht nach vorn oder aufwärts oder abwärts will. Das kreisrunde Gitter betont ferner den Platz und gestattet, die Gestalt fast bis zur Augenhöhe herunterzulassen (ohne dass man sich etwa an ihr stoßen könnte); sie wird also nicht nur bäuchlings gesehen, sondern ganz und gar Ausdruck sein. In das Gitter hinein wird eine runde Steinplatte gelegt werden mit einer schlichten Widmung (etwa: unvergessen), damit Ausländer und spätere Generationen dem Gedanken des Künstlers leichter folgen können. Außerdem wird das Gedenkbuch, das die gefallenen der Gemeinde enthält, in der Nähe angebracht werden. Ein Werk Barlachs besteht in dieser Art noch nirgends und würde auch in der neueren Kunstgeschichte einzigartig dastehen.

Text 3: (Barlach) Es galt mir, eine schwer ruhende Unbeweglichkeit als Ausdruck nie versiegenden Grams, hängend, weil der irdischen Bedingtheit entrückt, in den Brennpunkt einer kleinen und nur zur Dämmerung erhellten Seitenkapelle des Doms zu bannen. Alles diente dem Wunsch, eine Abgewandheit aus der Gegenwart hin in die Zeit des unerhörten Geschehens glaubhaft zu machen, die schmerzvolle Erinnerung schlechthin zu symbolisieren, da die Nötigung, Symbol zu sein, der Gestalt durch den Anlass gegeben war, der keinen Rückblick auf erschütternde Begebenheiten früherer Zeit als gleich groß und ähnlich mythisch zuläßt. Es war mir bewusst, dass ich eine Erstarrtheit in vollkommener Entrücktheit, gewissermaßen die Kristallisierung der Vorstellung von ewiger Dauer formen musste, um der Größe der Aufgabe zu entsprechen.

Texte

„Der Schwebende für Streicher, Marimba, Trommel“ (Ammermann)

Abschluss-Arie:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt...

Ausklang

Rainer Maria Rilke, 22.2.1898, Berlin-Wilmersdorf





 

COPYRIGT MUSIKKLANG Norbert Ammermann